Aktuelle StrategieAktuelle Strategie | Ursachen | Body-Mass-Index Adipositas-Training | Fast Food | Trennkost | Weimarer Erklärung 2002 Aktuelle Strategien der Adipositasprävention und -therapieSchlüsselworte: Adipositas - Prävalenz - Prävention - genetische Faktoren - Bewegungsmangel - LebensweiseÜberernährung und Übergewicht sind in den reichen Industrienationen endemisch. In Deutschland sind heute z. B. in der Altersgruppe der über 50jährigen mehr als 50 % der Menschen übergewichtig oder adipös. Vor 10-15 Jahren war die Prävalenz der Adipositas nur halb so groß. Weniger als 10 % der Übergewichtigen gelingt es, ihr Körpergewicht dauerhaft zu vermindern. Die für den Arzt und die Übergewichtigen traurige Wahrheit lautet: Adipositas kann gegenwärtig fast nicht behandelt werden, sie ist ein chronisches Problem. Überernährung und Übergewicht begünstigen das Auftreten ernährungsmitbedingter Erkrankungen (wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Altersdiabetes und Gicht). Neben persönlichem Leid haben diese Erkrankungen ihren Preis: Ihre Gesamtkosten wurden bezogen auf das Jahr 1990 auf 80-100 Milliarden Mark pro Jahr berechnet. Dies sind etwa 1/4 der Kosten, welche wir jährlich für unser Gesundheitssystem aufwenden müssen.Diesen ernüchternden Zahlen steht häufig eine vereinfachende Einschätzung des Problems gegenüber. Diese besagt: Adipositas wird durch zu viel Essen und zu wenig Bewegung erklärt. Weniger Essen und mehr Bewegung sind die Lösung des Problems. Die Ursachen der Adipositas sind in Wirklichkeit komplex. Sie umfassen persönliche und auch gesellschaftliche Faktoren. Soziokulturelle Faktoren wie eine schlechte Ausbildung und ein niedriges Einkommen bedeuten ein erhöhtes Risiko. Eine "hedonistische" (= Streben nach Sinnenlust und Genuss) Lebensweise, fettreiche Ernährung, geringe körperliche Aktivität und wenig persönliche Autonomie begünstigen die Adipositas. Auch biologische oder genetische Faktoren werden diskutiert. Die Entdeckung eines "Adipositasgens" bedeutet phantastische Perspektiven für die Wissenschaft. Aber: Genetische Faktoren prädisponieren zur Gewichtszunahme. Sie erklären allein nicht die Häufigkeit des Übergewichtes in unserer Gesellschaft. Bei Vorliegen eines genetischen Risikos entscheidet das menschliche Verhalten über die Manifestation der Adipositas. Die Molekularbiologie bietet auch keine Möglichkeiten der Adipositastherapie. Ernährung ist zentraler Bestandteil unserer Lebensweise. Sie ist z. Z. wie folgt charakterisiert: Zu viel Kalorien und zu viel Fett, zu wenig Obst und Gemüse und zu viel Alkohol. Diese Ernährung wird durch folgende Faktoren begünstigt: Das Angebot an Lebensmitteln ist sehr attraktiv und vielfältig Lebensmittel haben einen relativ niedrigen Preis. Lebensmittel sind nahezu überall verfügbar. Zurückblickend haben sich unsere Ernährungs- und Lebensgewohnheiten erst während der letzten 50 Jahre in einer für die Menschheitsgeschichte einmaligen Art und Weise entwickelt. Im Vergleich zu der Lebensweise unserer Vorvorfahren ist der moderne Lebensstil durch gleichbleibenden Überfluss der Ernährung und Bewegungsmangel charakterisiert. Hunger und Entbehrung gab es in Deutschland zuletzt während der Nachkriegszeit. Mit dem Wohlstand entwickelten sich bis Mitte der 60er Jahre unsere jetzigen Ernährungsgewohnheiten. Die seit 1980 disproportionale Zunahme der Adipositasprävalenz wird wesentlich durch Motorisierung und Automatisierung im beruflichen wie im privaten Bereich erklärt: Diese bedeuten eine drastische Abnahme der körperlichen Aktivität und des Energieverbrauchs. Lebensmittel sind heute gewerbliche und industrielle Erzeugnisse. Fertigungstechnische Veränderungen finden sich an beiden Enden der Produktionskette. Sie betreffen veränderte Agrarprodukte, aber auch die Verarbeitung von Lebensmitteln. Ergebnis sind häufig Fertigprodukte. Dem "Esser" fehlt so eine Beziehung zur Geschichte, zum Ursprung, zu den Inhaltsstoffen und zur Identität der Nahrungsmittel. Aus dieser Sicht gilt nicht mehr: Der Mensch ist, was er isst. Es ist Zeit, wieder ein bewusstes Verhältnis zur Ernährung zu entwickeln. Verbote und Diäten helfen nicht weiter, sie schaden nachweislich unserer Gesundheit. Der Ausweg ist der Umweg. Ernährung ist Ausdruck einer Lebensweise. Menschen müssen essen. Wie sie essen, ist eine Funktion der Gesellschaft und der Umwelt, in der sie leben. Es sind Moden, Verbote, Gewohnheiten bei der Erziehung von Kindern, Ökonomie, Industrie, Klima und Umwelt, die unsere Ernährung bestimmen. Liebe und Zeit zum Kochen und Essen sowie eine entspannte Atmosphäre bei Tisch sind Ausdruck von Lebensfreude. Ganzheitlich betrachtet, brauchen wir eine gesunde Lebensweise, welche ein hohes Maß an Lebensfreude mit einschließt. Das heißt auch: Mehr persönliche Autonomien, Möglichkeiten der Spannungslösung, die Suchtmittel (z. B. Nikotin) ersetzen, und körperliche Bewegung. Diese Strategien sind auch Inhalt der Gesundheitsförderung und Adipositasprävention für Kinder und Jugendliche. Gesundheitsförderung zielt auf die Verantwortung des einzelnen für seine Gesundheit. Eine "seriöse" Adipositasbehandlung sucht einen ganzheitlichen Ansatz und dauerhaften Erfolg. Dieses bedeutet eine Hinwendung des Patienten zu einer "gesunden" Lebensweise. Vorrangiges Behandlungsziel ist nicht das Erreichen eines "Normalgewichtes". Bereits eine geringe Gewichtsreduktion (z. B. um 2-3 kg) ist der Gesundheit förderlich. Die Ernährung sollte mehr Obst und Gemüse (5 Portionen/Tag) und weniger Fett (d. h. 30-70 g/Tag) enthalten. Auf Zwischenmahlzeiten sollte verzichtet werden. Bewegung (z. B. eine Stunde am Tag Spazierengehen) ist fester Bestandteil einer "gesunden" und aktiven Lebensweise. Spezielle Probleme (z. B. "Essen in Stresssituationen") werden mit dem Patienten angesprochen und die Möglichkeiten der Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle gestärkt. Ziel ist es, dem Patienten ein "flexibles Verhaltensmanagement" zu ermöglichen. Darüber hinausgehende Strategien (z. B. eine medikamentöse oder chirurgische Behandlung der Adipositas) bedürfen einer außerordentlich engen Indikationsstellung und sind für die meisten Adipösen keine Behandlungsalternative. Adipositas ist chronisch - sie erfordert eine lebenslange Umstellung der Lebensweise. Quelle: Müller M J: To eat or not to eat? Aktuelle Strategien der Adipositasprävention und Therapie. Akt Ernäh-Med 23 (1998) 1-2 |