Weimarer Erklärung der Kinder- und Jugendmediziner


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Presseerklärung Weimar zum 8. Deutschen Kongress für Jugendmedizin

Lust oder Frust - Bewegungsarmut und Adipositas

Prävention und Behandlung des Übergewichts und der Adipositas gelten für Kinder und Jugendärzten zu den bedeutendsten gesundheitspolitischen Herausforderungen der Gegenwart. Bei Ausbleiben der Intervention sind erhebliche Folgewirkungen für die Zukunft zu erwarten.

Adipositas wird jetzt schon als die globale Epidemie des Jahrhunderts bezeichnet. Adipositas ist eine Krankheit , nicht lediglich eine inkonsequente Persönlichkeitsstruktur. Jeder 4. Jugendliche leidet an Übergewicht, fast 10 % an Adipositas und etwa ein Prozent an extremem Übergewicht . Jedes Jahr wächst der Anteil der adipösen Kinder um 0,8% (aktuelle Daten Prof. Keller et. al. Leipzig ).Mehr als 50 % der betroffenen Jugendlichen transportieren ihr Übergewicht ins Erwachsenenalter.

Die Balance des Körpergewichts ist komplex gesteuert .Als Ursache fürAdipositas werden Vererbung, Familiarität, Bewegungsarmut bei geänderten Essgewohnheiten und Essverhalten diskutiert .Psychische und soziale Faktoren tragen wesentlich dazu bei ,dass sich der Teufelskreis aus Lust, Frust, Kontaktangst, Bewegungsmangel , Gewichtszunahme, mangelndes Selbstbewusstsein und Essen bei Stress zu drehen beginnt.

Der "D-Zug Adipositas" wird immer voller und rast mit schweren Folgekrankheiten im Gepäck in die Zukunft . Wenn es uns nicht gelingt ,die Notbremse zu ziehen, werden Typ II Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen , frühzeitige Verkalkung der Gefäße, Herzinfarkt und Schlaganfall drastig zunehmen und möglicherweise unser solidarisch finanziertes Krankenkassensystem entgleisen lassen.

Kinder und Jugendärzte fordern eine Reihe abgestimmter Maßnahmen, keine Einzelaktionen , um dieser Zukunftsbedrohung der jetzigen Kindergeneration gerecht zu werden .Dazu gehören:

  1. Gesundheitserziehung und Gesundheitsförderung:
  2. Diese wird in Kindergärten und Schulen nur gelingen ,wenn sie den veränderten Lebensbedingungen unserer Kinder gerecht wird. Die Bereitstellung erheblicher finanzieller Mittel, die Bereitstellung von entsprechend ausgebildetem Personal ist einzufordern. Grundlage sollten Programme für ein gesundes Leben sein: Gesunde Kost , eine Wiederherstellung der Esskultur, Reaktivierung der körperlichen Anstrengung, Neuorganisation großstädtischer, bewegungsarmer, kinderfeindlicher, essgestörter Umwelt(Bilger 2002)". Anti- Adipositas Programme haben sich nicht bewährt.

    Einige Interventionsansätze seien beispielhaft genannt:

    - Ernährungsberatung, die bei Säuglingen gut etabliert ist und funktioniert, kann von Kinder und Jugendärzten ins Kleinkind – und Schulalter transportiert werden. Programme sind vorhanden. Nur wer zahlt die erfolgreich in Praxen arbeitenden Ernährungsberater?

    - Kindergärten und Schulen können mit einfachen Programmen Muskelaufbau und Körperkoordination von Kindern erheblich verbessern , ihre Motivation steigern und damit auch die Selbstwahrnehmung im Umgang mit ihrem Körper deutlich fördern.

    - Öffentlicher Gesundheitsdienst in Zusammenarbeit mit niedergelassenen Kinder- und Jugendärzten können zur wichtigen Initialzündung bewegungsfördernder Programme beitragen.

    - Fehlende Geldmittel sollten nicht daran hindern ,den Stundenplan so zu organisieren, dass Schüler nicht auf fast food als Mittagsessen oder Pausenbrot angewiesen sind. Fette Croissants, Süßigkeiten, Limonade / Cola sowie Funk Food (Schrottessen) haben in Schulpausen keinen Platz.

    Die Cafeterien sollten auf Anweisung der Schulbehörden entsprechend ausgestattet werden. Auf Funk Food und süße Getränke sollte wegen der Gesundheitsgefährdung eine Gesundheitssteuer eingefordert werden.

  3. Die Behandlung von Übergewichtigen mit Risikofaktoren und adipösen Kindern und Jugendlichen .

Dazu sind zuallererst Schulungen durch interdisziplinäre Teams erforderlich.

Das Team besteht aus Ärzten , Psychologen, Ernährungsberatern und Bewegungstherapeuten . Nur wenige ambulante Teams arbeiten bisher in der Bundesrepublik erfolgreich und sind finanziell auch abgesichert. Einige arbeiten schon seit 10 Jahren. Die Arbeitsgemeinschaft "Adipositas im Kindes und Jugendalter" hat Leitlinien zur Diagnostik und Therapie erarbeitet. Die Konsensusgruppe dieser Arbeitsgemeinschaft hat zudem ein modernes Schulungsprogramm weitgehend fertiggestellt.

Wesentliche Ziele der Schulung sind Förderung der Kompetenz und Verhaltensänderungen in Ernährung, Sport, Freizeitgestaltung und im Umgang mit der Erkrankung. Stationäre Gewichtsreduktionen über 4 – 6 Wochen, vorwiegend in Reha-Kliniken, sind gut etabliert und erfolgreich, ihre Langzeitwirkung aber fragwürdig. Verhaltensänderungen benötigen einen längeren Interventionszeitraum von 1 - 2 Jahren. Es fehlen abgestufte Programme für ambulante und stationäre Einrichtungen, bzw. deren Verbund. Ambulante Schulungsteams könnten wohnortnah stationäre Schulungen fortsetzen und bei Bedarf auch primär ambulant schulen. Benötigt wird - wie bei der Asthmaschulung - ein Netz von ambulanten und stationären Schulungsteams .

Die Krankenkassen kennen zwar die bedrohliche Situation, haben auch über §43 SGBV die Möglichkeit, Schulungen zu bezahlen. Übertrieben pochen diese jedoch auf Evaluierung und Einhaltung von Qualität. Was unternehmen Kassen, um die Qualifizierung voranzutreiben und die Erarbeitung von qualifizierten Programmen zu beschleunigen?

Wer bei Adipositas durch Beratung oder Schulung helfen will, muss Jugendliche und ihre Familien, auch deren Schulen als Partner gewinnen, wenn er auf Dauer Erfolg haben will. Das heißt: insbesondere dem Kind und Jugendlichen die Chance bieten zur Entscheidung:

"Ich will mich um mein Gewicht kümmern, will Bewegungsangebote annehmen. Lass mich selber mein Gewicht kontrollieren oder abnehmen, hilf mir , wenn ich dich frage, mit schwierigen Situationen zurechtzukommen , aber vertrau mir, dass ich es selber schaffe."

Derlei Entscheidungen zur Selbstkontrolle und Verhaltensänderung setzten in aller Regel professionelle Hilfe voraus, die wir Kinder- und Jugendärzte interdisziplinär - wie bei Asthma und Neurodermitis - organisieren wollen.


Dr. Wolfgang Wahlen Kinder- und Jugendarzt
Kongressleiter, 8. Jugendmedizin-Kongress Weimar