schwanger mit 14


  • Jede Zehnte hat in diesem Alter das „erste Mal“ schon hinter sich

    Teenager-Schwangerschaften häufen sich in Deutschland seit einigen Jahren bedenklich, ebenso Schwangerschaftsabbrüche bei Minderjährigen. Eine der Ursachen ist mangelhaftes Wissen. Das belegt eine Studie des Robert-Koch-Instituts in Berlin.

    Mehr als 7000 minderjährige Mädchen brachten im Jahr 2000 in Deutschland ein Baby zur Welt – deutlich mehr als noch zwei Jahre zuvor. Bei den unter 14-Jährigen verdoppelte sich im gleichen Zeitraum die Zahl der Mütter von 77 auf 161. Dramatisch stieg zudem die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei Teenagern: Allein von 2000 bis 2001 wuchs sie um ein Fünftel von 5763 auf 6909. Ebenfalls um 20 Prozent nahmen die Abbrüche bei Mädchen unter 14 Jahren zu – von 574 auf 696. Den alarmierenden Trend erhärten Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Schwangerschaftsabbrüche bei Mädchen unter 15 Jahren stiegen von 1996 bis 2001 um 90 Prozent.

    „Der horrende Anstieg der Schwangerschaftsabbrüche bei Jugendlichen ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Mädchen früher geschlechtsreif werden“, erklärt Dr. Gisela Gille, Vorsitzende der „Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau e.V.“ (ÄGGF). - Hier zu Lande bekommen Mädchen ihre erste Menstruation im Durchschnitt bereits mit zwölf Jahren. Viele sind sogar schon mit neun oder zehn Jahren geschlechtsreif. Entsprechend früher machen viele ihre ersten sexuellen Erfahrungen – vom Küssen übers Petting bis zum Geschlechtsverkehr. Koitus-Erfahrungen hatte nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Jahr 2001 bereits jede zehnte 14-Jährige und jede vierte 15-Jährige.

    „Eine Folge des frühen Einstiegsalters in die Sexualität ist, dass etwa 18 Prozent  der 14- bis 15-jährigen Mädchen beim ersten Geschlechtsverkehr nicht verhüten“, berichtet Gille. Eben dies möchte sie zusammen mit ihren Kolleginnen der ÄGGF verhindern. Zudem wollen die Ärztinnen Mädchen auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität begleiten. Deshalb besuchen sie Schulen und führen dort jeweils einmal im Schuljahr ein anderthalbstündiges Gespräch mit Mädchen (teils auch mt Jungen) der sechsten bis zehnten Schulklassen. Im Jahr 2001 kamen über 46000 Schülerinnen und Schüler zu den 2311 „Ärztinnen-Informationsstunden“.

  • Verhütung? Schülerinnen überschätzen ihr Wissen

    Die Folgen dieses Engagements untersuchte kürzlich die Forschungsgruppe „Kinder- und Jugendgesundheit“ des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin im Rahmen einer Studie mit 1911 Schülerinnen und Schülern. Befragt wurden 881 Mädchen aus den sechsten Klassen sowie 1030 Mädchen und Jungen aus den neunten oder zehnten Klassen. Alle beantworteten einen umfangreichen anonymen Fragebogen. Danach besuchte ein Teil die Ärztinnen- Informatinonsstunden. Zwei Wochen später füllten alle Schülerinnen und Schüler den gleichen Fragebogen erneut aus. Aus den Antworten auf insgesamt 133 Fragen zum Wissen über Sexualität sowie zu Meinungen und Einstellungen ließ sich ableiten, welche Wirkung das Engagement der Ärztinnen hatte.

  • Dildo, Dreier, Domina - Kenntnisse rein theoretisch

    Teenager hantieren zwar souverän mit Begriffen wie „Dildo“, "Dreier“ oder „Domina“. Aber solche „Fakten“ bleiben in der Regel oberflächlich, wandeln sich (noch) nicht zu nutzbarem Wissen – auch in so wichtigen Themenbereichen wie Empfängnisverhütung und Schwangerschaft. Über diese beiden Themen, das gaben 61 Prozent der befragten Sechsklässlerinnen an, sei im Unterricht selten oder überhaupt nicht gesprochen worden; dennoch stuften 38 Prozent ihre Kenntnisse als „gut“ bis „sehr gut“ ein. Bei den Schülerinnen der neunten und zehnten Klassen hatten 31 Prozent in der Schule nicht darüber gesprochen; dennoch glaubten 71 Prozent, sich „gut“ bis „sehr gut“ auszukennen. Diese hohe Selbsteinschätzung ist allerdings nicht durch entsprechendes Wissen unterfüttert. So überschatten Ängste das Thema Empfängnisverhütung – Folge eines eklatanten Informationsmangels: 60 Prozent der befragten Mädchen befürchten, die Pille mache dick; fast die Hälfte meint gar, sie könnte Krebs verursachen; nahezu zwei Drittel trauen der Sicherheit des Verhütungsmittels nicht. Noch mehr als die Pille fürchten die Mädchen jedoch die Schwangerschaft. „Darum schließen viele Mädchen einen pragmatischen Frieden mit der Pille“, kommentiert Gille, „ohne jemals über ihre Sorgen und Befürchtungen ausführlich sprechen zu können.“

    Hinzu kommt der soziale „Erfolgsdruck“ nach dem Motto „alle außer mir“. Die befragten Mädchen schätzen den Anteil der Altersgenossinnen, die bereits Geschlechtsverkehr haben, deutlich höher ein als die tatsächliche, in Umfragen ermittelte Quote. So glaubten zwei von fünf Schülerinnen, 60 Prozent der 16-Jährigen hätte den ersten Koitus bereits hinter sich; jede Zehnte meinte gar, diese Erfahrung hätten schon 80 Prozent gemacht. Die richtige Antwort laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: 40 Prozent.

  • „Alle außer mir“ – ein häufig angenommener Irrtum

    Solche Wissensmängel und Fehleinschätzungen lassen sich freilich rasch beheben. Vor der Ärztinnen-Informationsstunde beantwortete die Hälfte der Sechstklässlerinnen die Frage „Ab wann kann ich schwanger werden?“ falsch. Zwei Wochen nach der Informationsstunde wussten vier Fünftel Bescheid: Sie können prinzipiell mit dem Einsetzen der ersten Periode schwanger werden. Vor dem Gespräch mit den Ärztinnen kannten 82 Prozent der 13- bis 19-Jährigen nicht die „fruchtbaren Tage“; danach konnten 67 Prozent der Schülerinnen das „Konzeptionsoptimum“ richtig angeben. Bei der ersten Befragung wussten 74 Prozent nicht, wann die „Pille danach“ nach dem Verkehr spätestens eingenommen werden muss; Beim zweiten Test gaben 72 Prozent die richtige Zeitspanne an. Beim Gespräch über Sexualität sind Vertrauen und Glaubwürdigkeit besonders wichtig. „Man muss über das, worüber man spricht, auch gerne sprechen“, betont Gisela Gille. Das könne man nicht von jedem Biolehrer erwarten. Die 42 Ärztinnen der ÄGGF sind allesamt Mütter. Sie sind familien- und berufserfahren.Und sie sprechen mit den Mädchen von Frau zu Frau.

Artikel zitiert aus "Ärztliche Praxis"/ Pädiatrie 5/September- Oktober 2002
Quelle:54. Kongress der DGGG, Dipl. Biol. Barbara Ritzert