Antibiotika


Tuberkulose; Malaria | Streptokokken |


Im Brockhaus," die Enzyklopädie" wird definiert:

  • "Antibiotika sind Stoffwechselprodukte von Bakterien, Pilzen, Algen, Flechten und höheren Pflanzen, die dagegen empfindliche Mikroorganismen abtöten oder ihre Vermehrungsfähigkeit blockieren."

Am 13.1.1999 stand in der Süddeutschen Zeitung dieser schöne Artikel von P. Ehmer über dieses Thema:
"Diese Antibiotika waren die ersten Lebewesen der Erde, lange bevor der Mensch auftauchte. Es gibt kaum einen Ort, an dem sie nicht zu finden wären. Sie besiedeln kochend-heiße Schwefelquellen, die Tiefen der Ozeane und die kalten Eispanzer der Pole. Überall suchen sie ihre Nischen zum Überleben und Vermehren. Meist in friedlicher Koexistenz mit anderen Lebewesen, manchmal auf deren Kosten. Sie sind die heimlichen Herrscher der Welt: Über drei Milliarden Jahre konnten Bakterien auf ihre Weise friedlich existieren.
Dann kam der Mensch, entwicklungsbiologisch ein unerfahrener Newcomer, erklärte er den alteingesessenen Erdbewohnern den Krieg. Er wollte sich von den großen Plagen wie Pest, Cholera, Lepra und Tuberkulose befreien. Es gelang ihm: Vor gut 50 Jahren entdeckte er die Antibiotika. Die Seuchen gingen rapide zurück, gerieten sogar in Vergessenheit. Wunderbare Zeiten brachen an: Egal ob Husten, Tripper oder Malaria, die Antwort hieß Antibiotika. Das Buch der Infektionskrankheiten könne nun geschlossen werden, meinten in den sechziger Jahren die Gesundheitsbehörden.
Doch es war nur eine Schlacht, die gewonnen war, der Krieg sollte weitergehen. Antibiotika sind natürliche Gifte, mit denen sich z.B. Schimmelpilze und Bodenbakterien gegen andere Mikroorganismen wehren.
Nachdem der Brite Alexander Flemming 1928 durch Zufall eines dieser Gifte, das Penizillin, entdeckte, hat man bis heute über 400 Antibiotika-Arten gefunden oder im Labor entwickelt. Für jede Bakterienentzündung das optimale Antibiotikum.
Doch die Antibiotikawaffe wird stumpf. Je mehr Antibiotika der Mensch schluckt und spritzt, desto widerstandsfähiger werden die Bakterien. Es gibt immer einige, die Antibiotikaeinsätze überleben. Sie gründen neue Stämme mit gut trainierten Abwehrmechanismen. Der Clou: Bakterien können ihre Erfahrungen mit Antibiotika sogar untereinander austauschen, von einer Art zur anderen. Während Antibiotika in der Massentierhaltung, in der Landwirtschaft und in der Medizin flächendeckend eingesetzt werden, tauchen deshalb immer häufiger neue, widerstandsfähige Bakterienstämme auf. Schon Flemming konnte vereinzelt solche natürlichen Resistenzen beobachten. Doch von dieser Nachricht wollte man lange Zeit nichts hören- eine fatale Ignoranz. Denn schon damals zeigte sich, daß sich Bakterien nicht so schnell geschlagen geben.
Noch kann die Mehrzahl der Infektionen durch herkömmliche Antibiotika behandelt werden. Doch es wird eng. Jeder zehnte Patient, der in Deutschland an der weitverbreiteten Staphylokokkeninfektion erkrankt ist, kann nur noch mit einem einzigen Antibiotikum geheilt werden, die anderen über 400 sind wirkungslos. Bei den Enterokokken gibt es Bakterienstämme, die es in den letzten Jahren geschafft haben, allen Antibiotika zu trotzen. Nur Menschen mit einem kräftigen Abwehrsystem können diese Bakterien noch in Schach halten.- Hilfe durch Antibiotika gibt es keine mehr. Berichte über Todesfälle durch multiresistente Bakterien mehren sich.
Fieberhaft werden heute neue synthetische Antibiotika in den Labors entwickelt. Gleichzeitig sind Forscher dabei, in den Urwäldern und in den Ozeanen unbekannte Pilze aufzuspüren, immer in der Hoffnung, natürliche Antibiotika zu entdecken. Darüberhinaus versucht man, die komplizierte Abwehrstrategie der Bakterien bis ins letzte Detail zu verstehen, um verwundbare Stellen in ihrem Stoffwechsel aufzuspüren. Eine neue Generation von Antibiotika soll die kampferprobte Bakterienhülle umgehen und direkt ins wehrlose Zentrum vorstoßen.
Die Rüstungsspirale dreht sich weiter- die Antwort der Bakterien ist vorprogrammiert. Was bleibt ist ein Zeitgewinn für den Menschen- nicht mehr und nicht weniger. Ein Zeitgewinn, der im Ernstfall Leben retten kann. Doch der Traum der Menschen, sich die Erde untertan machen zu können, die Natur bis ins Kleinste so zu gestalten, daß der Mensch ein rundum friedliches Leben genießen kann, ist ausgeträumt. Das Milliarden alte Wissen der Natur, die Tricks der Bakterien, lassen sich nicht durch einige Jahrzehnte moderner Forschung wettmachen. Auch wenn der Mensch mit Hilfe der Gentechnik noch tiefer in die Gesetze der Natur eingreifen kann und sogar zum Schöpfer neuen Lebens wird, mit Seuchen wird er auch in Zukunft leben müssen. Und mit Bakterien sowieso. Zum Glück muß man sagen: Ohne die winzigen Lebewesen gäbe es weder so etwas wie Joghurt, Schimmelkäse oder Bier, noch könnte unser Darm all dies verdauen. Antibiotika, Synonym für den Sieg des Menschen über die Natur, verlieren ihre Wirkung, werden sogar sogar zur Bedrohung. Antibiotika machen Bakterien stärker und nicht schwächer. Das Wort "Antibiotika" bedeutet ins Deutsche übersetzt: "gegen das Leben gerichtet". Heute wissen wir: auch gegen unser Leben."