Alice in Wonderland- syndrome


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Lewis Caroll schreibt in seinem Märchen bzw seiner Novelle: Alice in Wonderland - Alice im Wunderland - über Halluzinationen oder Phantasien... 

"Was für ein komisches Gefühl!" sagte Alice. "Ich gehe gewiß zu wie ein Teleskop." Und so war es in der That: jetzt war sie nur noch zehn Zoll hoch, und ihr Gesicht leuchtete bei dem Gedanken, daß sie nun die rechte Höhe habe, um durch die kleine Thür in den schönen Garten zu gehen. Doch erst wartete sie einige Minuten, ob sie noch mehr einschrumpfen werde. Sie war einigermaßen ängstlich; "denn es könnte damit aufhören," sagte Alice zu sich selbst, "daß ich ganz ausginge, wie ein Licht. Mich wundert, wie ich dann aussähe?" Und sie versuchte sich vorzustellen, wie die Flamme von einem Lichte aussieht, wenn das Licht ausgeblasen ist; aber sie konnte sich nicht erinnern, dies je gesehen zu haben...
"Verquerer und verquerer!" rief Alice. (Sie war so überrascht, daß sie im Augenblick ihre eigene Sprache ganz vergaß) "Jetzt werde ich auseinander geschoben wie das längste Teleskop das es je gab! Lebt wohl, Füße!" (Denn als sie auf ihre Füße hinabsah, konnte sie sie kaum mehr zu Gesicht bekommen, so weit fort waren sie schon.) "O meine armen Füßchen! wer euch wohl nun Schuhe und Strümpfe anziehen wird, meine Besten? denn ich kann es unmöglich thun! Ich bin viel zu weit ab, um mich mit euch abzugeben! Ihr müßt sehen, wie ihr fertig werdet. Aber gut muß ich zu ihnen sein," dachte Alice, "sonst gehen sie vielleicht nicht, wohin ich gehen möchte. Laß mal sehen: ich will ihnen jeden Weihnachten ein Paar neue Stiefel schenken."

..Von medizinischer Seite wird vermutet, dass der Autor selbst an unten aufgeführten Symptomen litt und diese während dieser Episoden zu Papier gebracht hatte.

"Alice in Wonderland syndrome"

bezeichnet eine Epilepsie (Anfallsleiden), bei der typischerweise anatomische Veränderungen in der seitlichen und hinteren Gehirnregion gefunden werden. Das herausragende Symptom ist eine Metamorphiopsie (= Sehstörung, bei der das Objekt in Form, Farbe u./oder Größe verändert oder verzerrt wahrgenommen wird), wie sie im Märchen "Alice im Wunderland" so eindrucksvoll beschrieben wird. 

Neben  Störungen der lichtbrechenden Strukturen des Auges, bei Akkommodationsstörung, Choroiditis, Netzhautablösung, Makuladegeneration 
 sieht man die Symptome auch im Rahmen einer Migräne. Infektiöse Schädigungen dieser Region z.B. nach Windpocken oder dem Pfeiffer'schen Drüsenfieber machen selten ebenfalls diese bizarren Erscheinungen. Natürlich muss man auch an psychotische Krankheitsbilder, Intoxikationen mit Drogen usw denken.

In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift "neuropediatrics 2002, 53-55: "Alice in Wonderland Syndrome:a Clinical Representation of Frontal Lobe Epilepsy"    von: P.J.G.Zwijnenburg, J.M.B.Wennink, D.M.Laman, W.H.J.P. Linssen

wird über ein 9- jähriges Mädchen berichtet, welches immer gesund war und keine bezüglich epileptischer Anfälle verdächtige Familienanamnese bot. Lediglich eine Tante der Patientin leidet an Migräne.

Folgende Symptome: nach einer Sportstunde in der Schule klagte das Mädchen über starke Kopfschmerzen, es war desorientiert, lief ziellos herum und zeigte eine beschleunigte Atmung. Dauer dieser Episode etwa eine Stunde. Verdachtsdiagnose: Hyperventilationstetanie.
Zwei Wochen später erneut starke Kopf- und Bauchschmerzen, gepaart mit Gefühlen von Angst und Schrecken. Während dieser Attacke hatte sie merkwürdige visuelle Erscheinungen: Objekte wurden kleiner, dann wieder größer, verzerrten sich in der Gestalt und veränderten sich. Die Dauer dieser Halluzinationen dauerten einige Minuten an, selbst die Eltern konnten während dieser Zeit nicht mehr richtig erkannt werden. Dazu unverständliches Sprechen.

Neurologische Durchuntersuchung bis zur Kernspintomographie, die Befunde waren normal. Im EEG zeigte sich jedoch ein auffallender Befund: rechts frontal sah man vereinzelt Krampfspitzen, so dass die Diagnose Epilepsie gestellt wurde und ein antikonvulsives Medikament mit Erfolg verabreicht wurde. Diese führte zur Beendigung dieser anfallsartigen Halluzinationen; ein zwischenzeitliches Aussetzen des Medikaments während der Ferien führte zu einem Rückfall dieser bedrohlichen Zustände.

 

"Metamorphopsia"  ist ein herausragendes, charakteristisches Kennzeichen von Halluzinationen, denen verschiedenste Ursachen zu Grunde liegen können. Eine dieser wenig bekannten Ursachen ist das  "Alice in Wonderland syndrome", eine Sonderform der "benign partial epilepsy with occipital paroxysms", die im zitierten Fall - anatomisch außergewöhnlich -  EEG- Veränderungen im Frontallappen (=Stirn) aufwies.


[29.5.02]