Unfallverhütung
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Ursachen und Tipps zur Prävention
Von Jörg Schriever, Chefarzt des Kreiskrankenhauses Mechernich
In den Industriestaaten sterben heute nach der Neugeborenenperiode mehr Kinder an Unfallfolgen als an allen Infektionserkrankungen und bösartigen Neubildungen (Krebs) zusammen. In Deutschland erleiden allein 2 Mio. Kinder bis zu vierzehn Jahren einen Unfall, der ärztlich behandelt werden muss. Vor diesem Hintergrund entstanden die Merkblätter "Kinderunfälle", auf die in diesem Artikel mehrfach hingewiesen wird. Unfälle treten meist nicht schicksalhaft auf, sondern lassen sich durch eine intensive Aufklärung der Eltern zu einem entsprechenden Gefahrenbewusstsein der gesamten Familie und speziell durch technische Sicherheitsmaßnahmen bei der Gestaltung einer sicheren aber kindgerechten Umwelt bis zu 60 % vermeiden. Die Prophylaxe von Unfällen ist damit einfacher und erfolgsversprechender als die Prävention der meisten Krankheiten.
Vorsorge und Unfallprophylaxe
Die Eltern sind gerne bereit, etwas für die Sicherheit der Kinder zu tun, vorausgesetzt, sie werden von kompetenter Seite über die altersentsprechenden Gefahren persönlich aufgeklärt und beraten. Die neun Vorsorgeuntersuchungen bis zum 5. Lebensjahr und ihre hohe Beteiligung von über 90 % bieten deshalb die idealen Voraussetzungen für die richtige Aufklärung im richtigen Moment. Die Schaffung von Merkblättern mit Hinweisen zur Prävention von alterstypischen Unfällen in Zusammenhang mit der "Kommission Unfälle im Kindesalter" sind ein wichtiger und erfolgversprecheneder Beitrag der Kinder- und Jugendärzte zur Gesundheit unserer Kinder.
Checkliste Sicherheit in Haus und Garten (U2 – U3)
Das erste Merkblatt sollte bereits nach der Geburt zur U2 (Vorsorgeuntersuchung in der ersten Lebenswoche) in jeder Geburtshilflichen Abteilung ausgegeben werden, besser bereits während der Schwangerschaft, spätestens jedoch zur U3 (4.- 6.Lebenswoche). Es ist eine Checkliste, um die Einrichtung in Wohnung, Haus und Garten sowie die täglichen eigenen Gewohnheiten auf Kindersicherheit zu überprüfen. Entdeckte Mängel sollten vor oder mit Einzug des Kindes behoben werden. Für ihre Verteilung kommen damit Ärzten, Hebammen und Kinderkrankenschwestern in Geburtshilflichen Einrichtungen und in den Praxen besondere Bedeutung zu.
Auf einem Merkblatt zur U2 bis zur U3 sollte stehen:
- Alle Innen- und Außensteckdosen mit Kindersicherung versehen.
- Treppe durch Gitter sichern.
- Haushaltschemikalien, Medikamente, Alkohol, Rauchwaren stets geschlossen oder unerreichbar (höher als 160 cm) aufbewahren.
- Bücherwände, Regale, Fernseher gegen Umstürzen sichern.
- Regentonnen fest verschließen, auf einen Gartenteich möglichst verzichten, sonst ausreichend umzäunen bzw. mit Flachwasserzone versehen und mit einem Gitter abdecken
- Giftpflanzen im Garten entfernen, und dergleichen.
Sturzunfälle (U4 – U9)
Stürze sind mit einem Anteil von 52 %
die häufigste Unfallart. Aus der Höhe fallen insbesondere Säuglinge und Kleinkinder.
Die Sturzunfälle auf der Ebene (z. B. Spiele, Sport und mit dem Fahrrad) nehmen mit
dem Alter zu.
-
Säuglinge fallen von der Wickelkommode, aus Tragetaschen und Wippen
(U3 – U4), aus Bettchen, Kinderwagen oder einfach durch unerwartete Bewegungen vom Arm,
ferner mit dem Hochstuhl und besonders mit dem Gehfrei (U5).
-
Kleinkinder stürzen auf
Treppen, vom Sessel, aus dem Hochbett, von und mit dem Schrank, dem Fernseher oder gegen
Heizkörper (U6 – U7).
-
Schulkinder stürzen beim Ballspielen, beim Klettern auf Bäumen
(Vorsicht bei Pflaume und Birne), von Mauern, Geländern und speziell beim Radfahren
(U8 – U9).
Auf Gehfrei verzichten! (U4 – U6)
Das Gehfrei ist das gefährlichste
Verwahrgerät im Säuglings- und Kleinkindesalter. Durch Strampeln und Laufbewegungen erreichen
die Kinder eine für sie nicht kontrollierbare beachtliche Geschwindigkeit und eine dem Alter
nicht entsprechende Mobilität und Greifhöhe. So können sie bereits vor dem Laufen Tischdecken
herunterziehen, an heiße Abdeckungen von Herdplatten und Backöfen fassen und sich verbrennen.
Das typische Unfallalter liegt zwischen 7 und 14 Monaten, besonders jedoch ca. 1 Monat vor dem
freien Laufen. Die häufigste Unfallart mit dem Gehfrei ist mit einem Anteil von 83 % der
Treppensturz. Dabei kommt es durch Überschlagen um die Längsachse in 82 % zu Schädelhirntraumen
und davon wieder in 11 % zu einer Schädelfraktur. Das Kippem über Kanten ist durch Absenken
des Schwerpunktes mit der Einführung von fünf Laufrollen seltener geworden. Durch die
Gehschule "lernen" die Kinder nicht früher laufen. Aufgrund der hohen Unfallquote müsste
das Gehfrei wie ein Medikament mit gefährlicher Nebenwirkung konsequenterweise aus dem
Handel gezogen werden. Solange es aber weiterhin ein beliebtes Geschenk von Paten und
Großeltern bleibt, lässt sich wohl ein Verkaufsverbot nicht erreichen. In Schweden ist
es dennoch gelungen durch eine intensive Aufklärungscampagne, insbesondere der Kinderärzte,
das Gehfrei vom Markt fast völlig verschwinden zu lassen. Dabei ist man oft gezwungen, sehr
drastische Formulierungen zu benutzen:„Wir verbieten das Gehfrei, weil wir den Rollstuhl
nicht wollen!“ Eine weitere publikumswirksame Maßnahme ist die Bildung eines Turmes mit
freiwillig abgegebenen Gehfreis, z. B. vor Einkaufszentren, wie dies von der Stolberger Gruppe
Förderverein Menschenskind e. V., Stolberg praktiziert wurde.
Ersticken (U4- U6)
Nach Ausschluss des plötzlichen Kindstodes ist Ersticken im ersten Lebensjahr die häufigste
tödliche Einzelursache.Das Verlegen deräußeren Atemwege durch Kopfkissen, Decken, Matratzen
ist seltener geworden, Plastiktüten, nicht aufgeblasene, in den Mund gesteckte Luftballons
oder gar Gummihandschuhe aus der Arztpraxis sind eine stets lauernde Gefahr. Strangulierung
durch Schlingenbildung von Bändchen an Jäckchen, von Ketten und Bändern müssen vermieden werden.
Bänder und Ketten sollten grundsätzlich kürzer als der Halsumfang sein. Das Hängenbleiben des
Kopfes zwischen Gitterstäben, Möbeln und Matratzen ist eine weitere Unfallursache. Gerade für
Erstickungsunfälle im Säuglingsalter gilt: Unfälle sind keine Zufälle.
m e r k e: -
Bei Säuglingen keine dicken Kissen verwenden. Anfangs eine zusammengelegte Windel, später
ein flaches hartes Kopfkissen. Strampelsack benutzen.
-
Kinderbett und Laufstall GS-geprüft,
Gitterstäbe maximal 7,5 cm Abstand. Keine Kleinteile im Bett, die in den Mund passen: z.B.
Knöpfe, Münzen, Würfel, Kugeln. Keine Erdnüsse geben.
-
Schnuller nur mit Band kürzer als
der Halsumfang und mit Sicherheitsklemmen verwenden.
-
Keine Kinderjäckchen mit Bändchen
am Hals, besser Druckknöpfe, Body.
-
Alle Bänder, Kordeln, Elektrokabel und Krawatten für
Kinder unerreichbar wegschließen.
-
Plastiktüten kindersicher aufbewahren.
-
Kühlschränke
ohne Magnetschloss nicht mehr verwenden.
-
Kühltruhen abschließen.
-
Keine nicht
aufgeblasene Luftballons oder Gummihandschuhe zum Spielen geben.
-
Nur CE- geprüftes
Spielzeug benutzen.
Ertrinken
(U5- U8)
Nach den tödlichen Verkehrsunfällen stellt das Ertrinken die
zweithäufigste Einzeltodesursache im Kindesalter da. Es ertrinken in der Bundesrepublik ca
200 Kinder im Alter bis zu 15 Jahren, davon allein 100 zwischen 1 und 5 Jahren.
Infolge des schweren Kopfes im Vergleich zum Körper ist das Kleinkind bis etwa zum 3.
Lebensjahr nicht in der Lage, sein Gewicht dauernd über Wasser zu halten. Der hohe
Schwerpunkt begünstigt den Fall über Schwimmbadgeländer oder in Tonnen und Becken.
Das plötzliche Untertauchen führt zur initialen Apnoe, gefolgt von reflektorischen
Glottisverschluss (Stimmritzenverschluss). Kleinkinder können in Wassertiefen von
weniger als 10 cm ertrinken. Durch konsequentes Tragen von Schwimmwesten in Wassernähe
wurde in Schweden die Zahl der Ertinkungsunfälle auf ein Viertel der jetzigen deutschen
Verhältnisse gesenkt. Ertrinken in der Badewanne vor dem 7. und nach dem 15. Monat ist
untypisch. In solchen Fällen sollte Kindestötung durch Ertränken forensisch ausgeschlossen
werden.
m e r k e: -
Kleinkinder nie alleine lassen!
-
Ab dem 3. Lebensjahr sollten Kinder schwimmen lernen.
Auch wenn Kleinkinder schwimmen können, gelten sie nicht als ertrinkungssicher. Sie ermüden
schnell, bei ungewohnten Untertauchen kann es zu reflektorischen Apnoen kommen.
-
Schwimmflügel gewähren keine ausreichende Sicherheit im Wasser. Schwimmreifen wegen der
Gefahr des Durchgleitens nicht benutzen.
-
Swimmingpools benötigen eine durchsichtige
Umzäunung ohne Spitzen (Jägerzaun) vom mindestens 140 cm Höhe mit abschließbarem Tor.
-
Sprossen von Badeleitern müssen rutschfest und zumindestens 7- 8 cm tief sein.
-
Auf
Teiche und Biotope im Garten möglichst verzichten, sonst müssen diese eine Flachwasserzone
von 1 m und/oder einige wenige cm unter der Oberfläche liegendes, nicht rostendes engmaschiges
Gitter aufweisen. Keine Betoneisenmatte.
-
Keine Dreiräder, Tretautos oder Fahrräder am
Teich oder Schwimmbeckenrand benutzen.
-
Auf Booten und in Wassernähe allen Kindern stets
Schwimmwesten anlegen. Jeder Erwachsene ist für ein bestimmtes Kind verantwortlich.
-
Baderegeln beachten.
-
Ertrunkene nie alleine lassen, sofort mit Wiederbelebung beginnen.
Tierunfälle(U7 –U9)
Im Vordergrund der Tierunfälle stehen die Bissverletzungen mit 90%, die mehrheitlich
von Hunden verursacht werden. In Deutschland rechnet man mit 10 000 behandlungsbedürftigen
Hundebissen jährlich, wobei noch eine unerhebliche Dunkelziffer besteht. Kinder bis 15
Jahren sind mit 40 % an der Gesamtzahl der Hundebisse besonders häufig betroffen, der Großteil
davon bis zum 5. Lebensjahr. Zu 80% erfolgt der Hundebiss unvermutet, die Hälfte davon ohne
Vorkontakt, z.B. beim Radfahren oder Spazierengehen. Provokantes Benehmen der Kinder spielt in
etwa 20% der Fälle eine Rolle. Durch das richtige Verhalten gegenüber Hunden sowohl von
Erwachsenen als auch von Kindern könnte eine Vielzahl von Bissreaktionen vermieden werden.
Das Österreichische Komitee
für Unfallverhütung hat einige Verhaltens- und Sicherheitsregeln aufgestellt:
m e r k e:
-
Säuglinge und Kleinkinder nie mit
dem Familienhund alleinlassen
- Kein fressendes oder schlafendes Tier plötzlich stören,
ihm die Futterschüssel oder Spielzeug wegnehmen
-
Kein Treten, am Schwanz ziehen oder es
sonst reizen!
Bei plötzlichen Erscheinen eines Hundes nicht weglaufen. Kein Geschrei oder
hektische Bewegungen machen! - Den Hund anschauen, niemals den Rücken ihm zuwenden. Ein Hund
versucht in der Regel von hinten anzugreifen. Freundlich ansprechen. Notfalls scharfes
Kommando"Sitz"!
-
Halte Distanz, lasse den Hund die erste freundliche Annäherung machen.
Er wird dies nicht tun, bevor er dich nicht beschnuppert hat. Hände leicht gesenkt und nach
oben geöffnet ausstrecken, nicht plötzlich hochreißen!
- Dem Hund nie von oben auf den Kopf
greifen. Streicheln, wenn überhaupt, nur vorsichtig vorne seitlich am Hals, wenn er dich ruhig
anschaut und freundlich mit dem Schwanz wedelt!
-
Keine Ballspiele von Kleinkindern mit
Hunden!
- Lerne die Hunde der Nachbarschaft kennen und erkundige dich nach ihrem Verhalten!
-
Mit dem Fahrrad nur langsam und entfernt an einem Hund vorbeifahren in gebührender Entfernung.
Verbrühungen/Verbrennungen
(U6 – U8)
In Deutschland
kommen etwa 100 Kinder pro Jahr durch Verbrühungs- und Verbrennungsunfälle ums Leben.
Kleinkinder bis zu drei Jahren sind daran etwa zu 70% beteiligt. Verbrennungswunden sind
schwerwiegend, sie hinterlassen in 95% bleibende Schäden durch Narben und
Gelenkkontrakturen.
m e r k e:
- Verzicht
auf Tischdecken im Haushalt mit Kleinkindern.
-
Ausschließliche Verwendung von Kaffeemaschinen
, Thermoskannen, Kochtöpfen mit geschlossenem festen Deckel (bzwÜberdrucktöpfen).
-
Hintere Herdplatten benutzen, Pfannenstiele zeigen in Richtung Wand. Herd durch entsprechendes
Schutzgitter sichern.
-
Bügeleisen und Toaster unerreichbar für Kinder auf- bzw. abstellen.
-
Obenliegende Steckdosen benutzen.
-
In die Badewanne stets zuerst kaltes Wasser einlaufen
lassen.
- Mischbatterien mit feststellbarem Begrenzer benutzen.
-
Streichhölzer und
Feuerzeuge stets kindersicher aufbewahren.
- Keine Flüssigkeitsbrennstoffe zum Grillanzünden
verwenden.
Wichtig sind die Sofortmaßnahmen:- Gründliche Abkühlung durch kaltes
Wasser über 5- 10 Minuten.
-
Reichlich trinken lassen.
- Bei Kleiderbrand Kinder nicht weglaufen lassen.
-
Flammen durch Wälzen bzw. Abdecken mit Mantel, Jackett, Wolldecke o.ä. ersticke
n.
In der Praxis
Es ist vorgesehen, dass die Arzthelferinnen, die Kinderkrankenschwester oder der Arzt das zeit
gerechte entsprechende Merkblatt der Früherkennungsuntersuchung persönlich übergibt und dies im
Vorsorgeheft vermerkt. So soll vermieden werden, dass diese wie andere Broschüren stapelweise zu
r freiwilligen Mitnahme ausliegen und statt alle, nur wenige Interessierte, erreichen. Da erfahr
ungsgemäß nur sehr wenige Leute ausführliche Texte lesen, wurde bewusst die einfache bebilderte
Form mit Kernaussagen gewählt. Daraus ergibt sich häufig direkt oder bei der nächsten Kontaktauf
nahme die Möglichkeit zu einem ausführlichen Gespräch, insbesondere dann, wenn die Mutter inzwis
chen selbst Fragen zur Unfallverhütung hat. Eltern haben zu ihrem Kinder- und Jugendärzten in de
r Regel ein besonderes Vertrauensverhältnis und halten sie in Fragen zur Gesundheit ihres Kindes
für außerordentlich kompetent. Daraus ergibt sich umgekehrt die Verpflichtung, sichüber die Unf
allmöglichkeiten und ihre Prävention sachlich und umfassend zu informieren. Hierzu möge dieser A
rtikel beitragen.
10 wichtige Tipps
zur richtigen Zeit:
- Vor und
mit der Geburt eines Kindes Sicherheit in Wohnung und Garten anhand der Checkliste kontrollieren.
-
Kind beim Wickeln nie unbeobachtet liegen lassen, notfalls auf den Boden legen.
- Auf "Gehfrei" (Lauflernhilfe) als Verwahrgerät ganz verzichten.
-
In Kinderhaushalten keine Lampenöl
e, keine Tischdecken benutzen.
- Medikamente, Haushaltsartikel, Zigaretten und Alkohol kindersicher aufbewahren.
-
Auf Gartenteiche, Biotops möglichst verzichten, mindestens ausreichend ho
he Umzäunung bzw Flachwasserzone und engmaschige Gitter unter der Wasseroberfläche.
- Früh schwimmen lernen und das richtige Verhalten gegenüber Hunden einüben.
-
Kinder im Auto oder mit dem Hund nie alleine lassen.
- Möglichst späte Anschaffung eines Fahrrads. Erst Roller, dann Rad!!
-
Stets Helm und Schutzkleidung beim Sport für Eltern und Kind.
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