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Bereits nach
der Geburt sind diese Kinder auffällig durch eine extreme
Schreckhaftigkeit, die mit grobschlägigen Zittern (Tremor) der Arme
und Beine einhergeht. Alle Gelenke sind extrem gebeugt, die Hände
werden krampfhaft gefaustet, die Finger sind passiv fast nicht zu
strecken, der Kopf ist starr nach hinten gebeugt (sogen.
Opisthotonushaltung), der ganze Körper ist wie ein
"Flitzebogen" gespannt. Die Sehnenreflexe sind extrem
gesteigert, die Reflexzonen enorm verbreitert bei vermehrt
langanhaltenden Pseudokloni. Die Kinder schreien viel, teils schrill
und zeigen extrem häufige Schreckreaktionen, bei denen die Arme weit
auseinandergerissen werden.
Diese "startle reaction" ist im deutsch-medizinischen
Sprachgebrauch besser bekannt unter dem "Moro-Reflex", genau
genommen beschreibt die startle reaction lediglich die erste Phase des
Moro-Reflexes, das reflexartige Auseinanderreißen der Arme, die
Abduktion.
Diese Schreckreaktion oder auch startle reaction ist bei jedem
Neugeborenen auslösbar und eine ganz normale Reaktion in den ersten
Wochen und Monaten eines jungen Säuglings. Bei schläfrigen und
satten Kindern ist diese eher mäßig ausgeprägt, bei lebhaften, auch
hungrigen Säuglingen stärker. Spätestens in der zweiten Hälfte des
Säuglingsalter verschwindet diese Reaktion. Sie ist allenfalls noch
in extremen Schrecksituationen wie z.B. Detonationen, grellen
Lichtblitzen o.ä. im späteren Lebensalter zu erkennen. Bei der
"startle disease"und hier besonders bei der "konnatalen"
Form der Hyperekplexie ist diese Reaktion aber so intensiv und
typisch, so krankhaft, daß sie dieser Erkrankung den Namen verliehen
hat. Diese Kinder sind dazu extrem verspannt, zittern ständig vor
innerer Anspannung, der Muskeltonus ist so erhöht, daß die Kinder
wie in einer inneren Erstarrung steif verharren. Aufgrund dieser
eindrucksvollen und höchst krankhaften Reaktionsform werden diese
Kinder nach der Geburt häufig als Hirnhautentzündung oder als ein
Kind, welches einen Sauerstoffmangel durchgemacht haben könnte,
behandelt. Die Nahrungszufuhr ist durch den gesteigerten Tonus auch
der Gesichtsmuskulatur erheblich beeinträchtigt, sodaß anfangs oft
eine Infusionsbehandlung bzw Sondenernährung notwendig ist. Bei der
ständigen Druckerhöhung auch der Bauchmuskulatur neigen diese Kinder
zu Nabel- und Leistenbrüchen, im Gelenkbereich zu Hüftluxationen. In
der Schlafphase kommt es zur deutlichen Verminderung, ja
Normalisierung des Tonus, in der späteren Kindheit und Jugend werden
über nächtliche kleine Muskelzuckungen (Myoklonien) berichtet. Die
extrem verspannte Muskulatur (Hypertonie) nimmt in den darauffolgenden
Jahren ab, wird aber immer wieder besonders deutlich bei
Unausgeschlafenheit, Angst, Spannung o.ä. psychischen
Stresssituationen. Gleichermaßen gilt dies für das Auftreten von
"startle reactions". Im Gegensatz dazu kommt es nach
Alkoholgenuss eher zur Verminderung dieser Symptome, erfreulicherweise
aber auch unter den unten aufgeführten Beruhigungsmitteln.
Bei dem mir bekannten Mädchen hat sich insbesondere die motorische
Entwicklung verzögert vollzogen. Mit einem Jahr konnte das Kind zum
Stehen gebracht werden, das freie Laufen wurde mit 2 Jahren möglich.
Eine regelmäßige Krankengymnastik wurde durchgeführt. Die
Sprachentwicklung war nahezu ungestört, Kindergarten- und Schulbesuch
waren bisher bei entsprechenden Entgegenkommen der Erzieher/innen kein
größeres Problem.
Auffallend und
immer wieder sehr typisch für diese Erkrankung ist das Problem, bei
unvorhergesehenen Situationen mit einer krankhaften Schreckreaktion zu
reagieren und dann "wie ein Baum" umzufallen. So kann es
sogar Probleme geben, wenn der Boden zu hart oder zu uneben ist. Am
liebsten geht unsere Patientin auf Sand oder auf der Wiese. Zuhause hält
sie sich gerne an den Gegenständen fest. In einer fremden Umgebung
sind sofort große Schwierigkeiten zu erwarten: ein unbekannter
Schulweg, ein neuer Schulaufgang kann die Patientin bereits in Panik
versetzen und es kommt zur beschriebenen Schreckreaktion, die sie
umfallen läßt wie ein Baum. Dabei ist typisch, dass keinerlei Abstützbewegungen
der Arme oder Hände, wie dies bei allen gesunden Menschen der Fall
ist, diesen Sturz abfängt. Es kommt zu keinem Bewusstseinsverlust, zu
keiner Bewusstlosigkeit, ein sofortiges Aufstehen ist die Regel, falls
es nicht zu einer stärkeren Verletzung kommt. Auch unvorhergesehene
akustische und grelle visuelle Reize haben dieselbe fatale Wirkung,
selbst das nicht angekündigte Tippen an die Stirn oder Stupsen an
eine andere Körperstelle ruft eine ähnliche Schreckreaktion hervor. Dementsprechend
ist die Verletzungsgefährdung bei diesen Kindern besonders hoch, eine
solche hat auch zur Klinikeinweisung und zur jetzigen Diagnosefindung
geführt.Die motorische Beweglichkeit dieser Menschen ist
herabgesetzt, es besteht eine Bewegungsarmut, relativ starre Gesichtszüge,
langsames und vorsichtiges, tastendes Gehen, Ungeschicklichkeiten auch
in der Feinmotorik. Die Sprache ebenfalls langsam, etwas abgehackt und
gepresst, eher stockender Redefluss. Unsere Patientin zeigte beim
Schreiben ein sehr unflüssiges, krakeliges Schriftbild, beim
Mund-Spreiz-Öffnungsphänomen deutliche choreo- bzw choreatiforme
Bewegungen der Finger. Beim Beklopfen des Nasenrückens kommt es
typischerweise zu einem ruckartigen Zurückziehen des Kopfes (sogen."Kopfretraktionsreflex").
Nächtliche spontane Myoklonien wurden nicht beobachtet. Bei plötzlichem
Aufwachen durch irgendein Geräusch kommt es jedoch zur typischen
Versteifung der Muskulatur und zur startle reaction.
Dieses unangenehme Handikap, in
vielen Situationen des täglichen Lebens abnorm zu reagieren, führt
die Betroffenen in eine selbst gewählte Isolation. Von ihren Mitschülern
gehänselt, natürlich auch zu deren Belustigung durch Setzen abrupter
Reize zu dieser abnormen Schreckreaktion gezwungen, werden sie
menschenscheu, meiden die Gesellschaft und haben auch ganz konkrete
Angst, sich durch dieses typische ungeschütze Hinfallen ernsthaft zu
verletzen. Es handelt sich insbesondere bei der konnatalen Form
dieser Erkrankung um ein autosomal dominantes Leiden. Ein autosomal
rezessiver Erbgang wird ebenfalls angetroffen, aber auch sporadisch
auftretende Fälle sind bekannt geworden. So sind die Eltern unserer
Patientin ganz gesund, auch ein Bruder zeigt keinerlei Auffälligkeiten.
Die Symptome treten -wie bei unserer Patientin - bereits nach der
Geburt auf: als "konnatale" Form der Hyperekplexie bekannt.
Aber auch im späteren Alter, in der Jugend oder dem Erwachsenenalter
kann die "adoleszente" Form dieser Erkrankung auftreten. Die
Symptome können variieren: von sehr ausgeprägt bis gerade
wahrnehmbar. Bei gezielten Nachfragen kann man nicht selten versteckte
Zeichen dieser Erkrankung bei anderen Familienangehörigen
herausfiltern.
Gute Behandlungserfolge werden mit
Clonazepam, Valproat (das sind antiepileptische Medikamente) und in
unserem Fall mit Clobazam (Clobazam= Diazepamabkömmling z.B. Valium)
gesehen Typische elektromyographische Veränderungen sind bekannt,
beschrieben werden auch echte epileptische Anfälle, die bei diesem
Krankheitsbild etwa in 20 - 30% der Fälle auftreten können. So gibt
es auch eine sogenannte "Startle Epilepsie", hier ist der
cerebrale Anfall meist mit einer "Startle Reaktion"
kombiniert. Diese Erkrankung hat aber mit der hier beschriebenen
"startle disease" keine engere Beziehung.
Faszinierend
ist der Blick in die Literatur ähnlicher Erkrankungen dieser abnormen
Schreckreaktionen:
Da wird bereits Ende des 19.
Jahrhunderts, etwa um 1880, von Wissenschaftlern über die "Jumping
Frenchmen of Maine" berichtet. In dieser kanadischen Provinz gab
es ganze Gruppen von Menschen, meistens Holzfäller, die bizarre
Verhaltensmuster mit plötzlichen Hinfallen "falling like a
log", immer wiederkehrenden Schreckreaktionen, aber auch höchst
merkwürdigen Verhaltensweisen zeigten. So wird berichtet, dass die
betroffenen Patienten unvorhergesehenen Befehlen, beispielsweise die
Pfeife wegzuwerfen, sofort zwanghaft nachkamen. Und zwar immer dann,
wenn dieser Befehl oder eine plötzliche Berührung überraschend
kamen. Sah der Patient aber sein Gegenüber, erwartete beispielsweise
eine Berührung, war das zwanghafte Bewegungsmuster nur abgeschwächt
oder angedeutet zu sehen. Ähnliche
Beobachtungen wurden auch in anderen Ländern gemacht , so in
Malaysia, in manchen Afrikaregionen, Sibirien und auch in Europa.
Gemeinsam sind dieselben bizarren Verhaltensmuster, z.T. gepaart mit
einer grotesken "Echolalie" (Nachahmen der jeweiligen
Aufforderung) oder auch "Echopraxie" (Nachahmen der
jeweiligen Handlung). "Myriachit" wurde diese Eigenart im
Volke genannt ("to act foolishly"),"Mali- Mali"
oder auch "Latah".Diese alten Beobachtungen beschreiben ähnliche
Symptome, wie wir sie auch bei der Hyperekplexie antreffen, auch hier
könnten die automatisch ablaufenden Schreckreaktionen und die
ununterdrückbaren Handlungsabläufe auf eine erbliche Komponente
hindeuten. Trotzdem werden diese Reaktionsformen eher als sozial
bedingt angesehen und scheinen keiner organischen Krankheit zuzuordnen
zu sein. Nichtsdestotrotz geht von dieser Beschreibung ein
faszinierender Reiz aus. Nicht zuletzt für ein nüchtern
beschreibendes Medizinergehirn! Und in der Literatur dieser seltenen
Erkrankung Hyperekplexie werden diese "frenchmen of Maine"
immer wieder zitiert.
Die "startle
reaction" ist ein Hirnstammreflex des jungen Säuglings, der
schließlich durch die Reifung und Ausbildung höherer Hirnstrukturen
unterdrückt wird und erlischt. So vermutet man, dass der "startle
disease" bzw der "Hyperekplexie"eine Reife- bzw
Entwicklungsstörung des Hirnstammes zugrundeliegt. Diskutiert und
auch nachgewiesen wurde vor allem bei der konnatalen Form der
Hyperekplexie eine Störung auf dem Chromosom 5 (q33-q35), hier
scheint ein Glycin-Rezeptor, der besonders im Hirnstammbereich
angereichert ist, in seiner Funktion beeinträchtigt zu sein.
(s. Abb.1)
Diese Störung beeinflusst die
Transmitterfunktion der Nervenzellen der basalen Hirnabschnitte wie
dem Hirnstamm , der formatio retikularis und auch des Rückenmarks und
verhindert die Hemmung jener Funktionen, die durch das
Heranreifen der höheren Hirnstrukturen zustandekommen. Dies erklärt
auch, dass kleine Säuglinge , ja selbst anenzephale Säuglinge
- also Säuglinge ohne Gehirn - natürlicherweise noch zu dieser
"startle reaction"neigen.Später wird bei gesunden Kindern
diese primitive Reaktionsform durch die Reifung höherer
Hirnstrukturen unterdrückt.
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