Zwei / Mehrklassen-Medizin


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Krankenkassen

Lassen Sie mich an unten aufgeführter Aufstellung der BKK Post die Problematik der heutigen Medizin etwas erläutern:


Die Betriebskrankenkasse (BKK) der Post übernimmt ab sofort die Kosten für naturheilkundliche Behandlungen (Akupunktur, Homöopathie, Anthroposophische Medizin; AHA).

  • Für 30 Minuten Akupunktur wird 60.- DM bezahlt (unbudgetiert!), maximal 12 mal pro Quartal=3 Monate. Also wenn man so will: 12 mal 60 DM pro Quartal, ergeben 720 DM pro Quartal und Patient!
  • Die homöopathische Erstanamnese ab dem 13. Lebensjahr wird mit 180.-DM vergütet, für jüngere BKK-Versicherte- also für Kinder - nur 140.-DM.
  • Für die einstündige Erstbehandlung mittels anthroposophischer Medizin wird 180.- DM bezahlt. Für halbstündige Folgebehandlungen honoriert die BKK Post dreimal pro Jahr 90.- DM.
  • Für alle nicht-ärztliche Therapieverfahren zahlt die BKK Post 85% des Gesamthonorars, 63.- DM für Heileurhythmie, 70.-DM für eine Anamnese (= Erheben der Krankenvorgeschichte), 70.-DM für eine Einzel- und 16.-DM für eine Gruppentherapie in der Kunsttherapie;
  • Für rhythmische Heilmassage 39.-DM.
  • Die BKK-Post ist seit 1. Januar 1998 geöffnet und nach eigenen Angaben mit 700 000 Versicherten die größte BKK Deutschlands. Dies ist vorerst ein Projekt, welches auf 8 Jahre angelegt ist. Das "Modellprojekt AHA" hat die BKK Post mit der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin, dem Deutschen Zentralverein Homöopathischer Ärzte und der Gesellschaft Antroposophischer Ärzte vereinbart. - Ein "Aha-Effekt"?

  •  Mit ähnlicher Strategie geht die Securvita BKK vor: Sie stellt sich als ökologische und ganzheitliche Versicherung dar, wird von Umweltorganisationen wie der BUND und der Panda-Versand der Stiftung WWF (= World Wide Fund for Nature) empfohlen. Im ersten Halbjahr 1999 ist die Versichertenzahl der Krankenkasse von 19 000 auf rund 32 000 Mitglieder gestiegen. Auch diese Krankenkasse wurde am 1.1.1997 bundesweit für alle gesetzlich Versicherten geöffnet. Beim Start hatte diese Versicherung lediglich einige hundert Mitglieder.
  • Heute gilt sie nach "Focus" als Shooting Star der Versicherten-Branche und    engagiert sich neben der Schulmedizin insbesondere für Homöopathie, anthroposophische Medizin, Pflanzen- und Naturheilkunde. Darüberhinaus das kasseninterne Motto: "Im Gegensatz zu den alten etablierten Krankenkassen setzen wir auf schlanke Verwaltung und effiziente Arbeitsabläufe".

erster Kommentar:

  • Konkurrenz belebt das Geschäft! Durchaus vorstellbar ist es für mich, daß die alteingesessenen Krankenkassen wie AOK, Ersatzkassen und auch die großen Betriebskrankenkassen nicht mehr effizient und ökonomisch verwaltet werden. Zu verkrustet könnten die Strukturen sein. Einige Zahlen: 243 Milliarden DM erhalten die Krankenkassen von ihren Versicherten! 12 Milliarden DM geben die Verwaltungen der Krankenkassen aus! (fast 5%) 56 Milliarden DM werden an selbständige Ärzte bezahlt (16,5 %). 96 % aller Patienten werden in der Praxis behandelt. 85 Milliarden DM werden an die Krankenhäuser bezahlt (für insgesamt 4 % aller Patienten). 33,4 Milliarden werden für Heilmittel an die Apotheken abgeführt (Quelle: KBV, BMG 1998). 4 Milliarden DM stehen für Fremdleistungen der Krankenkassen zu Buche und Milliarden DM werden ausgegeben für staatliche Versorgungsleistungen: Rente, Arbeitslosenversicherung, Familienausgleichszahlungen (Mutterschaftsgeld) und als letzter unbekannter Posten bleiben weitere viele Milliarden DM, deren Verbleib unbekannt ist, auf jeden Fall nichts mit einer medizinischen Behandlung zu tun hat.
  • Die Krankenkassen werben um Mitglieder. Obige medizinische Angebote der BKK Post und auch der Securvita Post werben mit Leistungen, die sowohl ihren neuen Mitgliedern als auch dem ausübenden medizinischen Personal rosige Zeiten versprechen. Das medizinische Angebot ist geradezu luxuriös, selbst die nicht-medizinischen Leistungen wie Heileurhythmie oder auch Gruppentherapie in der Kunstausübung werden noch glänzend honoriert.
  • Das muss man mal zusammenrechnen: Beispielsweise die Leistungen bei der Post BKK: Akupunktur 12 mal pro Quartal entspricht 12X60.-DM = 720.-DM, dazu eine homöopathische Erstanamnese von 180.- DM (140.-DM bei Kindern), eine einstündige anthroposophische Therapie von 180.- DM, eine halbstündige 90.- DM pro Quartal (also 30.-DM bzw 22,50 DM vierteljährlich). Dazu kommen noch Heileurhythmie, Kunsttherapie, alles wird mitfinanziert. Kann das wahr sein? Im Zeitalter der knappen und budgetierten Arzthonorare werden plötzlich fast 1 000.-DM (in Worten tausend ) pro Quartal locker gemacht, während der Normalmediziner, der vielleicht 10 bis 15 Jahre in der Klinik verbracht hat, mit einem durchschnittlichen Lohn um etwa 50.- bis 80.- DM pro Patient und pro Quartal sich begnügen muss. Kann das denn möglich sein? Bei der heute so angespannten finanziellen Lage? Ja, denn beide Krankenkassen sprechen gezielt Patientengruppen an, die schon von ihrer Einstellung her sehr gesund und natürlich leben . Deswegen geht wahrscheinlich die Rechnung auch auf, das Klientel ist jung, umweltbewußt, raucht und trinkt nicht. Also durchaus kostenbegrenzende Faktoren, die durch die anvisierte Patientengruppe bedingt ist. Nicht angesprochen werden naturgemäß die Alten, die mühselig Beladenen, die Behinderten. Für diese haben gefälligst die anderen Krankenkassen aufzukommen?
  • Bekommen wir also nicht nur eine Zwei-Klassen-Medizin: Hier Kasssenpatient , dort Privatpatient? Sondern entwickelt sich vielleicht eine Vielklassen-Medizin? Also auch mehr Angebotsvariabilität der einzelnen Kassen, mit unterschiedlichen Tarifen aber auch unterschiedlichen Service-Angeboten des medizinischen Dienstes? Das Solidaritätsprinzip geht abhanden, der Markt herrscht und die Vielfalt -ansonsten positiv zu werten -beginnt, Abstufungen und Wertungen zu produzieren. Jedem Tierchen sein Pläsierchen? Multi-Kassengesellschaft? Teilkasko? Vollkasko? Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt! - Keine Bange, so schnell geht das natürlich nicht! Wir leben ja in Deutschland und die alten Strukturen lassen sich nicht so schnell verändern! Aber Gerechtigkeit bringen diese beiden oben erwähnten Kassen auch nicht, bestenfalls sind sie kostendeckend. Im Moment preschen sie egoistisch hervor, um Kunden zu fangen. Aber vielleicht ist es wichtig, auch in der Kassenlandschaft neue Wege zu betreten. Ich sehe dies also nicht unbedingt als negativ an, vielleicht stößt es auch Reformen im Krankenkassenwesen an. Immerhin macht es klar, daß die Kassen immer mehr das Sagen haben, die Mediziner sich eher mit diesen als mit ihren Standesorganen auseinandersetzen müssen.
  • Trotzdem sind die Perspektiven nicht unbedingt erfolgsversprechend! Es wird zwar einer wenig kostenintensiven Bevölkerungsgruppe bester medizinischer Beistand angeboten und -ganz aktuell und seit Jahren im Trend liegend- vor allem auch aus dem Bereich der alternativen Medizin. Was hier zuviel angeboten wird, wird an irgend einer anderen Stelle der Ausgabenseite fehlen. Denn für die Alten und Schwachen müssen die Kosten ja auch getragen werden und für diese ist letzendlich einfach nicht genügend Geld da. Diese Kosten müssen - so scheint es - für die Leistungserbringer gedeckelt werden? Diese medizinische Kärrner-Arbeit wird budgetiert? Ist das die Botschaft? Nun, das ist sicher grob skizziert und pauschal wiedergegeben. Aber es ist unfassbar, was beispielsweise die Post BKK ihren Mitgliedern anbietet. Dies kann nur ein Angebot für Auserlesene sein und dann ist die Nähe zur Privatversicherung bereits spürbar.
  • Man möge auch bedenken, was sich auf dem Markt der Akupunktur, der Homöopathie und der Anthroposophie tummelt. Da wird u.U. sehr schnell eine Zertifikation für diese und jene Naturheilweise erworben. In Wochenendseminaren u.ä. Das soll mir keiner als Neid des Schulmediziners auslegen. Ich habe in anderen Artikeln meine Achtung vor der alternativen Medizin bekundet. Aber: auch hier ist dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Und natürlich meine ich, dass Kunsttherapie, Heileurhythmie u.ä. nicht unbedingt zur krankheitsverhütenden Basisversorgung eines Mitbürgers gehören. Und um diese geht es ja inzwischen vorwiegend!

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