Aktuelle Situation
Zwei / Mehrklassenmedizin
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| Kostenexplosion 1996- 2001
zur Entwicklung:
- Im Jahre 1986 habe ich meine Praxis eröffnet. Damals gab es noch den
ehrwürdigen
Krankenschein, der in der Regel nur einmal im Quartal ausgestellt wurde.
Auf Verlangen der Patienten wurde auch damals bereits ein zweiter,
vielleicht auch selten einmal ein dritter Krankenschein von der
Krankenkasse genehmigt. Aber immerhin musste man damals noch zur Kasse
sich begeben, auf jeden Fall persönlich, brieflich oder telefonisch diesen
zusätzlichen Krankenschein beantragen.
- Heute ist dies mit der Chipkarte alles sehr viel einfacher. Diese ist
eine Eintrittskarte für jedes Sprechzimmer und auch der Arzt - auch wenn
er das "Ärzte-Hopping" ablehnt - hat auf jeden Fall einen
Patienten mehr.
- Ein kleiner Rückblick: In den 80-er Jahren, in der Zeit meiner
Praxisneugründung, wurde nach Einzelleistung vergütet. D.h. jede
Leistung hatte einen bestimmten Preis und wurde von der Krankenkasse via
Kassenärztliche Vereinigung bezahlt. Zur Veranschaulichung der kommenden
Probleme: Eine Anhäufung von teuren apparativen Leistungen erbrachte
dementsprechend auch einen guten Ertrag ein. Die Praxen wurden apparativ
kopflastig, jeder niederlassungswillige Kollege installierte die in der
Klinik zur Diagnostik wichtigen Apparate auch in seiner Praxis. Und konnte
davon ausgehen, dass auch teure Apparate sich durch häufige
Leistungserbringung bald amortisierten.
- Der Vorteil: Die Klinikeinweisungen wurden weniger, da die Ausstattung
in der eigenen Praxis eine solche häufig überflüssig machte. So
wenigstens in unserer Fachrichtung, aber vergleichbar auch in anderen
Facharztgruppen.
- Der Nachteil: Es kam zu einer deutlichen Überbetonung der
Apparatemedizin, das Gespräch mit dem Patienten kam zu kurz. Die kleine
Praxis mit etwa 500 Patienten und mit noch intaktem Arzt-Patienten-Kontakt
wurde benachteiligt .
- Wie konnte man diese Ungerechtigkeit verhindern bzw. ausgleichen? Man
honorierte wieder mehr die "sprechende Medizin", das ärztliche
Gespräch wurde besser vergütet. Der kleinen Praxis wurde durch
Honorierung der Gesprächsleistungen mehr Gerechtigkeit zuteil. Was
geschah aber? Die apparativ ausgerichteten Ärzte begannen sich
zusätzlich auf das Sprechen zu besinnen. Gesprächs- wie apparative
Leistungen nahmen zu, der Honorartopf reichte nicht mehr aus, um all diese
Leistungen zu bezahlen.
- Zur selben Zeit wurde die Zulassungssperre für die Arztniederlasssung
eingeführt mit der logischen Konsequenz, dass sich vor dem angesetzten
Stichtermin noch so viel wie möglich Kollegen in der eigenen Praxis
niederließen. Der sowieso schon vor Ungerechtigkeiten kochende
Honorartopf (Topf, weil ein Deckel draufsitzt und der Inhalt immer
derselbe bleibt) hielt diesem neuerlichen zusätzlichen Honorardruck nicht
mehr Stand.
zur aktuellen Situation
- Eine Budgetierung der Arzthonorare wurde eingeführt: Die
Leistungsbegrenzung am Patienten und die Einführung der
Fallzahlbegrenzung von Patienten. Unser Patientengrenzwert
(Kinderheilkunde) liegt bei etwa 1000 Patienten; alles was darüber liegt
wird, abgestaffelt, will heißen, der Punktwert wird mit ansteigender
Anzahl der Patienten immer weniger wert. Was unterhalb der oberen
Fallzahlgrenze liegt, erhält prozentual etwas mehr. Wenn man so will, ein
kleiner Bonus für kleine Praxen. Folge: Große Einzelpraxen fühlen sich
nicht mehr gerecht honoriert und fahren durch fehlende Motivation ihre
Praxis sprich Fallzahl herunter, die kleinen Praxen können nicht mehr
existieren oder verkümmern zu kleinen Familienbetrieben. Oder sie
betreiben viel alternative Medizin mit Patienten o.g. Kassen
(s. Zwei/Mehrklassenmedizin).
- Nun, ganz gerecht kann man es niemanden machen. Die Budgetierung ist im
Moment sicher ein notwendiges Übel, um überhaupt die Kostenexplosion im
Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen. Es kann ja sein, dass wir
Ärzte in den vergangenen Jahren zu viel verdient haben, sicherlich hat
auch unser Abrechnungsverhalten nicht gerade zur Verbesserung der
Honorarsituation beigetragen. Trotzdem gilt für den Großteil der
Kollegen: Am Quartalsende (d.h. 3-6 Monate später kommt erst die
endgültige Quartalsabrechnung) hatte man sich die Abrechnung angesehen
und wenn man sich bei dieser angemessen honoriert fühlte, diese ohne
weiteres Studium wieder beiseitegelegt. Heute ist es müßig, auf ein
arbeitsreiches Quartal zurückblicken zu wollen, weil das Budgetieren wie
ein Kahlschlag nur mehr den Faktor Patientenfallzahl berücksichtigt, nicht
mehr Langwierigkeit der Behandlung eines Patienten oder beispielsweise
Hausbesuchsfrequenz. Die Fallzahl entscheidet heute wieder mehr und man
wird in den nächsten Monaten beobachten können, dass diese trotz
Abstaffelung eher tendenziell ansteigen wird!
- Im Klartext heißt das: die medizinische Behandlung eines Patienten wird
heute etwa mit 50- 80 DM im Quartal (= Zeitraum von 3 Monaten) honoriert.
Das sind im Leistungskatalog 500-800 Punkte. Nach Punkten wurde in der
medizinischen Honorarabrechnung seit jeher berechnet, wobei optimalerweise
1 Leistungspunkt 10 Pfennigen entsprach. Dabei ist die Leistungserbringung
für den einzelnen Fall inzwischen ziemlich unwichtig geworden: Sei es ein
langes Gespräch, apparative Untersuchungen mit Blutuntersuchung oder aber
nur eine kurze Beratung. Bei der Endabrechnung wird dieser Einzelfall
pauschalisiert (budgetiert) und der Leistungserbringer (Arzt) erhält etwa
o.g. Summe. Nun bei einer mittelgroßen Einzelpraxis wäre das ein
vierteljährliches Einkommen (brutto) von 50 - 80 000,-- DM. Das ist ja
eigentlich nicht schlecht! Nur, wenn im laufenden Quartal mehr als sonst
aus dem Honorartopf entnommen wird, senkt sich logischerweise auch das
Honorar für den einzelnen Arzt, verringert sich der Punktwert von idealen
10 Pfennig pro Punkt auf 5 bzw. 6 Pfennig. Dann bleiben keine 50 000 bis 80
000 DM mehr übrig (bzw. 500 000- 800 000 Punkte) sondern nur noch 25
000.-DM bis 30 000.-DM. Da liegt das Problem: Plötzlich ist eine Psychotherapeutische
Sitzung nicht mehr 90.- DM wert, sondern nur noch die
Hälfte! Also muß auch in diesem neuen System nachgebessert werden.
Insbesondere muß der Punktwert stabil bleiben. Das Budgetieren des
Arzthonorars ist schon allein eine ungerechte Sache. Wenn dann aber noch
eine Punktwertrallye hinzukommt, haben wir eine existenzvernichtende
Situation!
- Ich glaube, daß der Spareffekt auf dem ambulanten ärztlichen Sektor
ausgereizt ist und daß Nachbesserungen in einigen Bereichen dringend
vonnöten sind. Unseren Beitrag zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen
haben wir Ärzte geleistet. Unsere vielzitierte Lobby ist gar nicht so
stark, da im Moment es eher zu viele Ärzte gibt. Sollte eines Tages ein
Ärztemangel bestehen, wird eine Stärkung des Ärztestandes im
politischen und gesellschaftlichen Leben wieder die Folge sein.
- Aber wie schaut es in den anderen Sektoren des Gesundheitswesen aus? Die
Kostenersparnis im Krankenhauswesen ist ein viel größeres Problem, da
hier Landes-, Kommunal- und Beschäftigungspolitik hereinspielen. Die
Krankenhäuser verursachen (gegenüber der ambulanten Medizin) ein
Vielfaches an Kosten. Deutschland hat immer noch die höchste
Krankenhausbettendichte in Europa und aus meiner langjährigen
Kliniktätigkeit ist mir das Feilschen um Belegung, Nichtbelegung der
Krankenhausbetten, Mitternachsstatistik und Beurlaubung der Patienten am
Wochenende bei Weiterführung des stationären Aufenthaltes durchaus noch
gut in Erinnerung. Keiner will etwas hergeben!
- Diskutieren müsste man auch über die Heilmittelkosten und
Arzneimittelkosten. Über all die überflüssigen Therapiemethoden, die
sich im Laufe der Zeit eingeschlichen und breit gemacht haben. Und zuletzt
auch über die Einstellung des Patienten, unseres Mitbürgers, für den
vieles noch selbstverständlich ist, was heute eigentlich nicht mehr
bezahlbar ist. Ich erinnere mich an Krankenbesucheinsätze, bei denen der
Arzt herbeizitiert wurde, nur um lediglich ein Fiebermedikament
verschrieben zu bekommen. Da sind zu nennen die vielen Hausbesuche des
notärztlichen Dienstes mit dem Taxi, auch nicht selten des niedergelassen
Arztes, die eher aus Bequemlichkeit und nicht aus akut medizinischer Sicht
angefordert werden und auch die oft überflüssige Überrepräsentanz von
BRK, Notarztwagen und Hubschrauber, die mitunter bei Bagatellfällen
gleichzeitig informiert werden. - Also, es ist auch viel Leerlauf im
System!
- In den letzten Jahren wurden Kur- und Heilstättenbehandlungen eher
zurückhaltend genehmigt. Bäder- und Kurort-Verwaltungene waren wegen
Unausgelastet sein sehr besorgt. Anscheinend hat auch hier bereits wieder
eine Gegenbewegung eingesetzt, die Klagelieder sind verstummt. Und es sind
die Kassen, die Kuren genehmigen, die ihren Mitgliedern oft zuviel
versprechen.
- Und wenn man in die Apotheken geht, kann man sich nur wundern, welche
Unsummen noch zusätzlich für Vitamine, Heilkräuter und Heilsäfte ausgegeben werden. Wie häufig hört man bei eigenen Patienten von
Besuchen beim Heilpraktiker! Geld für die Gesundheit ist also genug da.
Unsere Gesundheit ist auch unser höchstes Gut, für das man durchaus auch
privat investieren sollte. Für diese wird viel Geld ausgegeben, ja
vielleicht fast schon verpulvert! Natürlich sind hier Grenzen gesetzt
für das allgemeine Aufkommen des Steuerzahlers! Übrigens: In meinen
Augen ist die Reduzierung der Zuzahlung von Medikamenten keine soziale Tat
der Neuen Regierung gewesen, sondern lediglich ein kurzsichtiges und
überflüssiges Wahlgeschenk, was auch vom Wähler auf lange Sicht nicht
honoriert werden dürfte.
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