Medikamentenbudget 99


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Nicht nur zum Ausfüllen des politischen Sommerlochs wurde in den Zeitungen und Medien wieder viel über das zu teure Gesundheitswesen am Beispiel der um 16 % angestiegenen Medikamentenausgaben (im ersten Halbjahr 1999 gegenüber 1998) geschrieben. Dieses Problem wird uns bis zum bitteren Jahresende begleiten. Da abzusehen ist, daß die Obergrenze derKosten / Zahlen / Fakten Medikamentenausgaben für das Jahr 1999 noch vor Jahresende erreicht wird, haben die Ärzte publik gemacht, daß in den letzten Jahresmonaten/evtl auch nur im letzten Monat Dezember Privatrezepte ausgestellt werden müssen, damit das Medikamentenbudget eingehalten werden kann. Gesetzlich ist es ja so geregelt, daß wenn das vorgegebene Medikamentenbudget überschritten wird, die Ärzte selbst für die überschrittene Ausgabensumme mit ihrem Honorar aufkommen müssen. Nun, das ist sicher etwas Einmaliges: Alle Ärzte werden in Gruppenhaft genommen, ob sie sich denn nun ökonomisch oder verschwenderisch verhalten haben. In meinen Augen wird der "schwarze Peter" von einem zum anderen gereicht. Im Moment halten die Ärzte die schlechte Karte in der Hand. Nur: Sie sind es natürlich auch, die über die Medikamentenvergabe verfügen. Aber was passiert, wenn ein Arzt - nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen - dem Patienten ein in seinen Augen unwirksames Medikament vorenthält. Der Patient geht zum nächsten Arzt, vergewissert sich bei der Krankenkasse, daß dieses auch rezeptwürdig ist und erhält dieses dann auch. Das zwei- bis dreimalige Aufsuchen eines Arztes wegen eines fraglich wirksamen Medikamentes ist also heute durchaus legitim. Die Krankenkassen, die zufriedene Kunden haben wollen, sagen natürlich bei einer entsprechenden Anfrage des Patienten,"gehen Sie zum nächsten Arzt, das Medikament wird von der Kasse bezahlt". Oder auch wenn der Patient in die Apotheke geht und das Medikament auf eigene Kosten ersteht: Falls es nicht verschreibungspflichtig ist, wird er vom Apotheker belehrt, daß die Krankenkasse dieses bezahlt und er sich ein Rezept beim Arzt ausstellen lassen kann.

Die Apotheker denken an den Umsatz, die Krankenkassen buhlen um zufriedene Mitglieder und die Ärzte sind die Dummen, die für Ausgabenüberschreitungen geradestehen müssen. Am Rezeptieren von Medikamenten verdient der Arzt ja nun wirklich nichts! Schlimmstenfalls biedert er sich durch großzügiges Aufschreibverhalten dem Patienten an. Der springende Punkt ist eine zu schaffende Medikamentenliste, die auflisten muß, welche Medikamente zu erstatten sind und welche nicht, welche Medikamente wirken und welche nicht. Dem stehen vehement Pharmaindustrie oder auch Apotheken im Wege, die um ihre Pfründe bangen. Gerichte werden bemüht. Hier kommt es einfach zu keiner Einigung. Die Medizin hat sich bereits krakenförmig viele Heilmethoden geschaffen, die alle auch bezüglich ihrer anzuwendenden Medikamente auf deren Wirksamkeit pochen. Und wer wollte auch gegen die homöopathischen, naturheilkundlichen Medikamente Front machen. Sind sie ja erstens sehr viel preiswerter als die von der Schulmedizin entwickelten, zweitens vielleicht noch dazu wirksamer; sanfter ja sowieso. Wobei ich denke, daß jene Medikamente keiner Gefahr ausgesetzt sind, nicht anerkannt zu werden. Also zieht sich das Gesundheitsministerium auf den Standpunkt zurück, die Ärzte sollen gefälligst die Nachahmerpräparate verordnen und nicht die teureren Originalprodukte. Nun, jeder Arzt weiß, daß dies nicht immer der richtige Weg ist: Wie häufig verordnen wir Billiganbieter beispielsweise bei Antibiotika, die ja relativ teuer sind und müssen nicht selten erfahren, daß diese von Patienten schlecht vertragen und dann abgesetzt werden müssen . Nach Absetzung dieser Generika kehrt man dann doch auf das altbewährte Medikament zurück und liegt dann erst recht mit den Kosten hoch. Noch einmal: Eine Liste muß her, die bestimmt, dieses und jenes Medikament wird nicht von der Krankenkasse übernommen und darf nicht vom Arzt rezeptiert werden!

Nur so kommen wir aus der Ausgabenspirale heraus: im Moment kostet unter Umständen das Besorgen eines eher unwirksamen Medikamentes drei Besuche bei verschiedenen Ärzten (inklusive deren Honorar = 50-80.-DM pro Patient, wie wir ja in meinen Kommentaren gelernt haben), also wird der Preis zusätzlich durch Ärztehopping vervielfacht. Nun, das ist noch ein Gedankenspiel! Nur in seltenen Fällen verhält sich der Patient so, obwohl das Zurücknehmen der Medikamentenzuzahlung dieses Vorgehen eher begünstigt.- Aber es ist unwürdig, die Qualität eines Arztes mit davon abhängig zu machen: verschreibt er großzügig oder eher knickerig? Oder - durchaus auch nicht fern der Realität - schreibt er gerne krank oder eher nicht? Auf diesem Gebiet lauert viel Zündstoff. Beide führen zu unärztlichem Verhalten! Der freie Beruf wird korrumpiert und setzt uns Ärzten unliebsamen Zwängen aus. Eines muß aber klar sein: Wenn an Medikamenten eingespart werden soll, dann spürt dies nicht der Arzt, sondern der Patient. Natürlich sind 16 % Ausgabensteigerung kein Pappenstiel! Hier muß genau analysiert werden!

Im Zeitalter der Datenverarbeitung auch in den Praxen sollte dies möglich sein. Erst dann kann man dem Übel begegnen! Im Moment werden nur diffuse Schuldzuweisungen hervorgebracht. Die Kassen monieren das deutlich erhöhte Ausgabenniveau bei Medikamenten (wobei die Orientierungswerte des Budgets aus dem Jahre 1992 stammen) Die Ärzte führen die Mehrwertsteuer, den Wegfall der Zuzahlungen und die starke Grippewelle im Frühjahr 1999 ins Feld, außerdem natürlich Neuentwicklungen an Medikamenten, die man den Patienten nicht vorenthalten dürfe.