Vergreisung der Gesellschaft?


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In der Spiegel-Auflage vom 30.8.99 wird dem Thema "Vergreisung der deutschen Gesellschaft und Babylücke" viel redaktionellem Raum gewidmet. 

Danach werden Rentenversicherung unbezahlbar und Gesundheitskosten explodieren. Die Konsequenz muss sein: Mehr Eigenvorsorge, weniger staatliche Fürsorge. Die Zahl der Alten steigt, die Zahl der Babys und damit der Beitragszahler von morgen nimmt laufend ab. Die Folgen für die sozialen Versicherungssysteme sind dramatisch. Die Rentenkasse wird in etwa 30 Jahren endgültig bankrott sein. Auch die Gesundheitskosten werden explodieren: Die Altersgruppe der 65-bis 69-Jährigen erfordert etwa das Vierfache und die Gruppe der 80-Jährigen sogar das Sechsfache an Behandlungskosten gegenüber der Gruppe von 14-Jährigen. Bei den medizinischen Leistungsausgaben liegen die Rentner mit einem prozentualen Anteil mit 51,1 Prozent. 

Auch die Pflegeversicherung gerät in Finanznot, wenn die Zahl der über 80-Jährigen, wie zu erwarten, von jetzt rund 3 Millionen auf mindestens 5 Millionen bis zum Jahre 2030 und gar auf zehn Millionen bis 2050 ansteigt. Die Last zwischen den Generationen muss im Rentensystem neu verteilt werden. Im Moment kommen drei Arbeitnehmer für einen Rentner auf, in etwa dreißig Jahren verschiebt sich dieses Verhältnis auf 1 : 1, d.h. ein Arbeitnehmer hat für einen Pensionär zu bezahlen. Dass (neue Rechtschreibreform!) dies nicht mehr machbar ist, wird jedem klar. Eine neue Philosophie des Rentensystems muss her und diese kann nur so aussehen, dass jeder privat für das Alter ansparen muss, um die kärglich gewordene Rente des Staates aufbessern zu können. Die Rentenfrage allein ist ja schon fast unlösbar, hinzu kommen Probleme, die bisher kaum diskutiert werden: Kann eine Volkswirtschaft überhaupt funktionieren, wenn es an Nachwuchs mangelt? Wird nicht Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit sinken? Die Alten haben das Sagen, die Jungen zahlen? Seit den siebziger Jahren werden in Deutschland im Durchschnitt statistisch nur noch 1,4 Kinder pro Frau geboren, jede vierte Frau bleibt kinderlos. Schon jetzt müssen manche Schulen schließen, neue Lehrer werden nicht eingestellt. 

Auf der anderen Seite fehlt es an Kindergartenplätzen, Kindertagesstätten, darüber hinaus sind die Deutschen eher als kinderfeindlich einzustufen. Die Wahl für die Deutschen stellt sich heute so: entweder schrumpft die Bevölkerung dramatisch -nach Hochschätzungen bis auf 22 Millionen Einwohner am Ende des nächsten Jahrhunderts - oder aber es wird eine dramatische Einwanderungspolitik betrieben werden müssen. Ersteres ist ökonomisch, letzteres politisch schwer zu verkraften. Sicherlich stellt es eine riskante Gratwanderung dar, die richtigen Einwanderer für Deutschland zu finden. Die Masse allein ist es nicht, der Kinderreichtum natürlich auch nicht.

Es ergibt keinen Sinn, wenn ein Heer von schlecht ausgebildeten Schulabgängern arbeitslos bleibt und so die sozialpolitische Brisanz nur anheizt, Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen zum Eskalieren bringen: Neue Probleme schaffen, anstatt obengenannte anzugehen. Also auf die Masse kommt es nicht an. Man muss es ziemlich unverblümt sagen: auch auf die Qualität der einzubürgernden Einwanderer, auf deren Integrationsfähigkeit, deren Einsatzfähigkeit für das politische Gemeinwohl. Sicher ist dieses Thema sehr schwierig und zu vielschichtig, zeigt aber schlaglichtförmig auf, wie heute nur an den Symptomen kuriert wird und der große Zusammenhang zuwenig gesehen wird. Bei so manchen aus Deutschland in die Heimat zurückgewiesenen Kosovo-Albanern, Kroaten oder Bosnier, die in meiner Praxis mit ihren Kindern waren, habe ich mir gedacht, wie schade, dass gerade diese Familien zurückkehren mussten. Inzwischen hatten sie eine geregelte Arbeit, sprachen fließend deutsch und waren bereits sehr gut integriert in unserem Gesellschaftssystem.